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Der Jahrestag nähert sich. Schon lange habe ich gedacht, ich werde den ganzen Monat
lang zu nichts fähig sein. Verkriechen und allein sein, die Bettdecke über die Ohren ziehen,
das habe ich mir gewünscht. Nun habe ich schon diverse Feste und Termine hinter mich gebracht
und finde, ich habe mich gut gehalten. Es ist einer der ersten lauen Abende in diesem Jahr,
Gewitter im Anzug. Ich sitze am Schreibtisch, bei Kerzenlicht und Rotwein, gegenüber der
offenen Balkontür und genieße die frische Luft, freue mich über die Arbeiten, die ich gerade
erledigt habe. Wird es nun doch nicht so schlimm mit dem Juni? Oh doch, schlimm ist es, wenn
ich mir bewusst mache, dass nun schon bald ein Jahr, bald 365 Tage vergangen sind, ohne Sebastian.
Dass ich das ausgehalten habe, kann ich kaum glauben.
Ein Jahr von vielen, die da kommen werden. Gab es nicht einmal eine Zeit, in der ich nicht ein paar
Tage ohne Sebastian sein konnte, wir nicht ohne einander? Aber, habe ich nicht auch so viel gelernt,
in diesem Jahr? Habe ich nicht immer wieder so vieles von Sebastian gespürt, auf so viele
verschiedene Arten? Und zeigte er mir nicht die Welt in einem neuen Licht, um so vieles wert-voller?!
In diesem Sinne werde ich an den Jahrestag herangehen wollen.
Danke Sebastian, für das, was du an mir getan hast.
Jahrestag, zum zweiten Male
Mein Leben ist ohne Zweifel reicher geworden, um die ganze große andere Seite des Lebens,
um den Tod. Die Annahme und das Nachsinnen über denselben haben mich hineinkatapultiert
in eine andere Art zu leben. Bewusst im Geist. Was sich nicht geändert hat, was immer wiederkehren
wird, auch nun, am zweiten Jahrestag, ist die Sehnsucht nach dem Kind, das ich hatte. Die Trauer
um den verlorenen Menschen, seiner Person, die ich anfassen konnte, trösten, umsorgen, in dessen
Zwiesprache und mentalen Einssein mein Leben eine Berechtigung fand, mein So-Sein auf Annahme
stieß, mein Mutter-Ich angenommen vom Kind-Ich, wir beide in Mutter-Kind Liebe vereint, Kern unserer
Familie, Kern der ganzen Welt. Wie soll ich eine solch große Lücke füllen? Gar nicht. Nie. Und darum,
immer wieder am Jahrestag, holt mich die Sehnsucht ein, die Sehnsucht nach dem, was war.
Es ist gut zu weinen, es ist gut, sich zu erinnern.
Es ist gut, durch dieses finstere Tal zu wandern, wieder und wieder und die Erinnerung langsam
zu vereinen, mit dem, was ich auf der anderen Seite erhalten habe.
Eine Aufmerksamkeit, eine Neugier, ein Kennenlernen dieses anderen Teiles unseres Lebens, der
auch existiert. Den ich spüren darf und kann, wenn ich sehr still und aufmerksam bin.
Das Bewusstsein für die wichtigen Dinge im Leben. Ich lerne weiter. Der Weg ist oft beschwerlich,
aber ich lasse mir Zeit, die schönen Aussichten zu genießen, wohl ahnend, dass der Weg das Ziel
sein wird. Am Ende des zweiten Jahres habe ich es auch geschafft, ganz praktisch und pragmatisch
wieder Fuss zu fassen im täglichen Leben. Alltag lenkt ab. Aber Alltag ist die andere Seite des großen
Lebens. Es heißt also auch wieder lernen, ehrlich zu lachen, offen zu sein für Welt, die Menschen.
Auch diese Dinge heißt es zu vereinen. Den Alltag zu leben, ohne die neuen Erkenntnisse zu vergessen.
Eine schwierige Aufgabe. Schwierig auch, diesen Alltag mit seinen Verpflichtungen zu vereinbaren
mit der Trauer, die uns Hiergebliebene an solchen Gedenktagen einholt. Da kann es auch von
Mut zeugen, einmal zu sagen: „Heute kann ich nicht, ich bin zu traurig.” Und nachzuspüren
und bewusst durch den Tag zu gehen. Nach einem langen Tag voller Tränen und ohne Perspektiven
für den nächsten, bekam ich an unserem Jahrestag ein recht himmlisches Geschenk. Es muss die
Einwirkung meines Kindes gewesen sein, die mir eine unglaublich kreative Phase am Abend schenkte.
Ich bin neugierig, ob ich beim nächsten Gedenktag wieder etwas Liebevolles werde entdecken können.
Jahrestag
Jahrestag am Morgen.
Vor zwei Jahren warst Du noch bei mir,
da, zum Küssen, zum Umarmen,
zum Lieben, um Umsorgen,
spürte ich die Nähe zu Dir,
Dein Gesicht an mich gedrückt, das Warme.
Jahrestag am Mittag.
Vor zwei Jahren war es, da machtest Du Dich auf den Weg,
den Weg, den ich nicht mit dir gehen darf,
noch kann ich Dich küssen, Dich halten,
spür’ noch den Rest von Wärme, wenn ich meine Hand in Deinen Nacken leg’-
wo bist Du hingegangen, warum konnte ich Dich nicht halten?
Jahrestag am Abend.
Vor zwei Jahren warst Du nicht mehr bei mir,
zwei fremde Männer, die Dich holen kamen.
Wo bist Du, Du bist mir verborgen,
ich vermisse die Nähe zu Dir,
Deinen Körper an mich gedrückt, den Warmen.
Jahrestag in der Nacht.
Vor zwei Jahren in der Nacht,
ich weiß nicht mehr, schlief ich, hab ich gewacht?
Nun nach zwei Jahren, manchmal ist es mir,
so warm von Dir, an meinen Armen,
da kitzelt meine Nase, von Deinem Kuss verborgen.
Ein weitr’es Jahr wird vergehen, getrennt von Dir,
doch vielleicht hat der große Vater ein Erbarmen
und schickt Dich im Traum zu mir,
dann schaffe ich das Morgen.
Heute
das heißt, heute am 05.03.2004 ist nicht unser Jahrestag, aber Sebastians Geburtstag.
Sein irdischer Geburtstag, der Tag vor 19 Jahren, an dem ich meinen Sohn zur Welt brachte.
Den Todestag nennt man in den USA häufig "Engelsgeburtstag". Der Tag, an dem jemand
ein Engel wurde, das hört sich doch viel viel besser an als: Todestag.
Es sind jetzt schon siebeneinhalb Jahre her, dass Sebastian gestorben ist.
Wie sieht es heute aus, mit meiner Trauer?
Die schlechte Nachricht: Nach wie vor habe ich Angst vor den Gedenktagen, da
sie unweigerlich die Erinnerung an schreckliche Momente hervorbringen, den Verlust
wieder deutlich spürbar werden lassen. Und wenn die Momente der Erinnerung da
sind, sind sie wieder sehr stark und fordern ihren Tribut. Da helfen auch sieben Jahre nichts,
da werden auch 10 und 20 Jahre nichts ändern.
Nun die gute Nachricht:
Man kann lernen, die Talfahrten, die Trauer, die Tränen besser in den Griff zu bekommen.
Es wird immer leichter, sich abzulenken, zu verdrängen, den Kasten mit der Traurigkeit
wieder zu schließen. Das wird immer umso besser gelingen, umso mehr Aufgaben, Ziele, Wünsche
und Hoffnungen wir haben. Die Trauer, der Tod, der Verlust, das alles sind Teile von uns,
von unserem Leben, aber ein großer Teil will neu gestaltet werden, will sich entwickeln und
neuen Sinn finden. Daher ist unsere Aufgabe nicht nur Verarbeitung, sondern auch Neu- und
Weiterentwicklung, Freude an neuen Dingen, Liebe zu anderen Menschen, Akzeptanz unseres
eigenen Seins inclusive der traurigen Anteile. Schwer, aber nicht unmöglich. Und dabei
hilft dann tatsälich die Zeit. Die Zeit heilt nicht die Wunden, aber die Zeit gibt uns Gelegen-
heit, uns neu zu erschaffen, zu entwickeln und somit besser zurechtzukommen und mit
Würde unser irdisches Leben zu Ende zu leben. Bis wir nach erfültem Leben
unseren schmerzlich vermissten Lieben wieder gegenüberstehen.
...und während ich diese Zeilen schreibe, setzt sich der erste Schmetterling dieses
Jahres grad einen Meter entfernt auf dem Balkon, vor meine Nase..
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